Der Religionskurs 12 im Gespräch mit jüdischen Gästen

Von Leoni Schwenke

Frau Meinhardt, eine jüdische Zeitzeugin der Nachkriegszeit, gewährte uns am 9. Januar 2024 einen eingehenden Einblick in ihr Leben als Jüdin in Deutschland. Dabei präsentierte sie beeindruckende Einsichten in die Geschichte ihrer Familie während der Zeit des Nationalsozialismus. Ebenfalls zu Gast war Herr Lappe, der seine Erlebnisse einer anderen Gruppe mitteilte.

Als Religionskurs der 12. Klasse bereiteten wir uns im Vorfeld auf diesen Besuch vor, indem wir Fragen formulierten, die uns interessierten und dazu beitragen sollten, Klarheit in unsere Vorstellungen zu bringen. Zu Beginn nahmen Frau Meinhardt und Herr Lappe gemeinsam an unserem Kurs teil und beantworteten allgemeine Fragen. Hierzu gehörten beispielsweise Fragen nach ihrem Aufwachsen, Erfahrungen mit Diskriminierung und aktuellen Sorgen.

Sowohl Frau Meinhardt als auch Herr Lappe wurden in London geboren und wuchsen in der DDR auf. In ihrem gesamten Leben wurden sie nie antisemitisch behandelt, abgesehen von vereinzelten Bemerkungen während ihrer Schulzeit. Des Weiteren bereitet ihnen besondere Sorge die aktuelle politische Lage und die Gefahr für die Demokratie.

Nach diesen allgemeinen Fragen sprachen Frau Meinhardt und Herr Lappe jeweils mit ca. der Hälfte des Kurses. Ich nahm an der Fragerunde mit Frau Meinhardt teil, bei der wiederholte Fragen zur Diskriminierung aufkamen. Frau Meinhardt betonte jedoch erneut, persönlich nie diskriminiert worden zu sein. Sie meinte sogar, dass jüdische Familien in der DDR aufgrund der Verfolgung während des Dritten Reiches staatliche Unterstützung erfuhren, insbesondere finanziell, zum Beispiel wenn die Kinder studierten. Sie berichtete von der Anerkennung der jüdischen Gemeinschaft in Dresden, dass sie auch viele jüdische wie auch nicht-jüdische Freunde haben einschließlich der Einweihung einer neuen Synagoge in der Dresdner-Neustadt. Zugleich äußerte sie jedoch die Ansicht, dass es in Deutschland eine gewisse Überempfindlichkeit gegenüber dem Judentum gibt, die in anderen Ländern weniger ausgeprägt sei.

Frau Meinhardt teilte auch persönliche Geschichten über ihre Familie mit, einschließlich des tragischen Schicksals ihrer Großmutter, welche in einem Konzentrationslager ums Leben kam, ihres Bruders und ihrer Tante während der NS-Zeit. Besondere Berührungspunkte erfuhr sie durch die Erzählungen ihrer Mutter über die Pogromnacht. Ihre Mutter konnte glücklicherweise im März 1939 Deutschland durch die Hilfe von Verwandten in Holland verlassen.

Die Geschichte von Frau Meinhardts Vater gestaltete sich schwieriger. Als Widerstandskämpfer wurde er im September 1933 verhaftet und verbrachte sechs Jahre in Konzentrationslagern. Durch ein Programm der Engländer gelang ihm die Flucht, und er kam als Nazigegner in England an. Mit Kriegsbeginn wurde er jedoch als alien enemy (feindlicher Ausländer) in England und Kanada wieder interniert. Als er nach England zurückkehren konnte, lernte er dort seine Frau, die Mutter von Frau Meinhardt, kennen.

Abschließend wurde das aktuelle Thema der AfD angesprochen. Frau Meinhardt äußerte die Meinung, dass überzeugte AfD-Anhänger, die den Antisemitismus unterstützen, schwer umzustimmen seien. Dennoch sieht sie die AfD nicht als Gefahr für die Juden, sondern als ein Risiko für die deutsche Demokratie, das aus den gegenwärtigen politischen Entwicklungen resultiert. Mit diesen Worten schloss Frau Meinhardt die Fragerunde.

Ergänzung von Frau Wegener

Auch Herr Lappe berichtete eindrucksvoll und trotz der tragischen Ereignisse mit Humor von seiner Familiengeschichte. Interessant an beiden Biografien ist, dass die Eltern beider Gäste zwar jüdischer Herkunft waren, aber die jüdische Religion nicht ausübten. Sie vertraten eine kommunistische Einstellung und kehrten aus diesem Grund nach Deutschland zurück. Sie wollten ein besseres und gerechteres Deutschland mit aufbauen. Trotz ihrer ebenfalls atheistischen Grundhaltung suchen Herr Lappe und Frau Meinhardt regelmäßig Kontakt zu den jüdischen Gemeinden in Dresden und nehmen an deren Veranstaltungen teil.

Wir hatten als Kurs eine spannende Begegnung mit zwei engagierten Gästen, denen Toleranz und Wertschätzung anderer Meinungen eine Herzensangelegenheit ist. Und der Grund für ihre Bereitschaft, mit Jugendlichen ins Gespräch zu kommen. Danke!

Gagym, Religion