Emotionen, Eindrücke, Wissen und Verstehen -
eine Schulfahrt nach Lettland!



Wenn 13 Schüler und 2 Lehrer aus einem Geschichtsleistungs- und einem Russischgrundkurs der 11. Klasse auf Exkursion gehen, stehen erwartungsgemäß diese Themen auch im Mittelpunkt. Wenn sie sich als Ziel dann noch Lettland aussuchen, dann wird aus einer Woche Schule eine spannende und aufregende Zeit in einem Teil Europas, über dem wie ein undurchsichtiger Schleier die Bilder von Besatzung und Deportation, aber auch von Freiheit und der Suche nach dem ganz eigenen Platz im modernen Europa liegen.

Wer mehr erfahren möchte, ist herzlich eingeladen, in unserem Tagebuch einer Osteuropareise zu lesen!

Montag 11.1.2010
Wie weit der Weg nach Riga ist, wird uns bewusst als wir auf dem Dresdener Hauptbahnhof noch einmal die Fahrzeiten vergleichen. Der ICE der Deutschen Bahn bringt uns pünktlich nach Mainz, die Regionalbahn weiter nach Idar-Oberstein und dann warten wir auf den Bus nach Büchenbeuren-Ludwigshöhe. An der Haltestelle gegenüber geht es nach Langweiler! Nach 90 Minuten Fahrt steigen wir im tiefen Schnee einer kaum sichtbaren Haltestelle aus und sehen beruhigt gegenüber eine Tankstelle, deren Pächter uns den Weg in das naheliegende Gewerbegebiet zeigt, in dem sich unsere Motelbetten für die erste Nacht befinden sollen.
Das "Econo-Motel" erweißt sich als eine im mediterranen Stil umgebaute Werkhalle, doch wir checken erfolgreich ein und machen uns auf den Weg zur naheliegenden Pizzeria, an der uns das optimistische Schild "Zu verkaufen" erwartet. Doch noch ist der Mailänder Patrone zu Hause und so gibt es Pizza für alle.
Morgen müssen wir um 3:45 Uhr aufstehen!!

Dienstag, 12.1.2010
3:45 Uhr ist keine schöne Zeit; auch nicht zum Frühstücken. Dennoch, es gelingt uns dank mitgebrachter Vorräte, und 4:20 Uhr rollen die Koffer wieder zur Bushaltestelle. Der gut gemeinte Scherz: "Guck mal, da fährt unser Bus!" erweißt sich als schreckliche Realität und nach verzweifelter Suche nach Alternativen entscheiden wir uns für eine morgendliche 5 km Wanderung auf einer nur dünn befahrenen Bundesstraße zum Flughafen Frankfurt -Hahn. Die mutigen Worte: "Da vorn ist der Terminal!" lassen diese Stunde relativ schnell vorbeigehen.
Mit großem Mut betreten wir die Abfertigungshalle. Nach zwei weiteren Stunden, die mit dem amtlichem Bestaunen unserer waffenlosen Körper ihren Höhepunkt finden, sitzen wir im gut gekühlten Ryanairflieger und ängstigen uns über die blassroten Schleimspuren des Enteisungsmittels auf den Fensterscheiben. Die Zeit des Fluges vergeht mit dem Ablehnen von Getränken, Snacks aller Art, Parfüm, Zigaretten und Lotterielosen und nach knapp drei Stunden zeigen sich beim Blick aus dem Fenster die Weiten der lettischen Provinz Zemgale. Noch ein Holpern und wir sind da - auf dem Lidosta (Lettisch = Flughafen) Riga.
Beim Aussteigen wird schnell klar, dass es doch noch kälter geht als in Deutschland und wir ahnen, dass uns die kommenden Tage bei -15 bis -20°C auf Polarexpeditionen vorbereiten werden. Nach dem Wechseln der Euros in lettische Lat und dem Kaufen von hochmodernen Bustickets bringt uns der Bus #21 zum Zentraltirgus (Zentralmarkt). Nach dem Umstieg in den Trolleybus #16 steigen wir an der Haltestelle "Dzirnavu iela" aus. Nach 10 Minuten Kofferhoppeln sind wir im "Gästehaus Lenz" angekommen; einem Eingang mit dazugehörigen Etagen und dazugehörigen Zimmern in einem Jugendstilhaus.
Mit dem passenden Google-map-Ausdruck in der Hand sammeln wir die ersten Eindrücke der lettischen Hauptstadt und finden im "Vermanitis-Lido", eine Filiale der lettischen Antwort auf Mc. Donalds, ein Schnellrestaurant im Folklorestil und fantastisch gutem und billigem Essen der lettischen Küche.
Jetzt scheinen wir vorbereit zu sein auf die drei Stunden Rundgang durch Riga. Vorbei an Parkanlagen, am lettischen Freiheitsdenkmal und an der Laima-Uhr erreichen wir die UNESCO Weltkulturerbealtstadt und tauchen in eine Hansestadt ein, die mal deutsch, mal russisch war, am liebsten aber lettisch ist.
Unsere Stadterklärerin erkennt bald, dass wir regelmäßige Aufwärmphasen brauchen, so dass ein Teil der Informationen in Museen, Ausstellungsräume und Kirchenfoyers verlegt wird. Da auch die wissenshungrigsten Schüler mal Freizeit brauchen, verabreden wir ein Treffen im PELMENI XXL um, ja richtig, Pelmini zu essen, die sich von den russischen durch die Betonung auf der ersten Silbe, wie übrigens alle lettischen Worte, unterscheiden.

Mittwoch 13.1.2010
Labdien Riga!!
Toastberge, Joghurt, Kaffee und Tee sorgen für den nötigen Brennstoff im individuellen Schüler- und Lehrerofen und wir laufen (ja, es sind immer noch -20°C) zur großen russischen Kathedrale, gehen hinein und beobachten die tiefe Religösität der orthodoxen-russischen Bevölkerungsgruppe, die ca. 40% der lettischen, aber 55% der Rigaer Bevölkerung ausmacht.
Das Hauptziel für diesen Vormittag ist aber das Okkupationsmuseum, in dem wir uns mit den zwei sowjetischen und der nazideutschen Okkupationen Lettlands auseinandersetzen. Den Höhenpunkt dieses Studienteils bildet ein Gespräch zu den Wirkungen des Ribbentrop - Molotow- Pakts 1939 mit einem Professor lettischer Abstammung, der auf der Flucht vor der zweiten sowjetischen Besatzung mit seiner Familie in die Bundesrepublik und weiter in die USA emigrierte und nach der "Singenden Revolution" Anfang der 90er Jahre in das freie Lettland zurück kam. Wir ahnen, wie schwierig diese lettische Geschichte des 20. Jahrhunderts zu verstehen sein wird.
Um 15:00 Uhr haben wir die russischsprachige lettische Herderschule in der Skola iela gefunden. Dort erwartet uns eine Gruppe russischstämmiger lettischer Schüler. Für zwei Stunden tauschen wir Informationen, Präsentationen, deutsche und russische Vokabeln aus und nach einem lehrerlosen Treffen in Hinterhofbars weiß der Schülerteil der Expedition mehr über das Schüler-Sein in Lettland!!
Ein Aspekt dieses nachhaltigen Gedankenaustauschs führt uns am Abend in einen offensichtlich angesagten Jazzclub. Der nächtliche Heimweg offenbart die zeitweilig verdrängte Wirklichkeit - ja, es ist immer noch soooo kalt!

Donnerstag, 14.1.2010
Heute wartet ein quitschegelber Mercedesminibus mit Anhänger und Igors, dem Fahrer, auf uns und unsere Koffer, um uns nach drei Stunden Fahrt durch die verschneiten, fast menschenleeren Weiten Kurlands nach Liepaja (dt. Liebau) zu bringen.
Das Hostel "Brize" wird unsere Bleibe für eine Nacht. Nach schülergeführter Besichtung aller Steingebäude der mehrheitlich hölzern erbauten lettischen Provinzstadt, dem großen tirgus und Lettlands ersten und vorläufig einzigen Rockcafe reservieren wir schon mal unser Abendprogramm - Bowling in Liepaja.
Voller Hoffnung und vor allem mit kalten Füßen telefonieren wir mit Igors, damit uns der Bus abholt und uns an den Eingang des zweiten Liepaja bringt - der russischen Militärstadt "Karosta". Nikolaus I. ließ als russischen Zar dieses Areal anlegen. Dann nutzte es die Rote Armee, danach die Wehrmacht, dann wieder die Rote Armee. Jetzt ist es das "Russenviertel". Das Einzige, was geöffnet hat, ist die "Gauptwache"(russisch), das NKWD-Gefängnis, in dem uns zwei Stunden sowjetisch-totalitäres Realityprogramm erwarten, in dem wir uns alle nach Verhören, Registrationen, Strafmaßnahmen unterschiedlicher Art gemeinsam in der eiskalten Dunkelzelle wiederfinden. Und irgendwie dankbar, diese Zeit nicht erlebt zu haben, suchen wir im fahlen Licht nostalgisch-sozialistischer Straßenlaternen den Weg zu unserem Hostel.
Eigentlich wollten wir gar nicht so lange bleiben, denn das Abendessen im Hardrockcafe wartet, doch ein dunkelblau angelaufener Fuß aus dem Mädchenachtbettzimmer zwingt uns zu vorsichtigen Auftaumaßnahmen, die, ein Glück, von Erfolg sind. Im Schwarzlicht der Bowlingbahn geben wir unser Bestes und bewundern nebenan den Extrembowlingstil lettischer junger Männer.
Igors rettet uns mit seinem Bus vor dem Erfriertod.

Freitag 15,1,2010
Pankukas oder Omlets? (Richtig! Die erste Silbe muss man betonen!) Das ist die meistgestellte Frage beim Frühstück bevor uns der gelbe Bus wieder verschluckt und wir auf die 200 km Landstraße nach Riga fahren. Unsere Betten im "Gästehaus Lenz" haben gewartet, doch die meisten treibt es wieder in die Stadt, um Mitbringsel einzukaufen und Mittag zu essen.
Um halb 3 treffen wir uns am Mc. Donalds gegenüber dem Freiheitsdenkmal und machen uns auf den Weg zur "Saiema", dem lettischen Parlament. Nach einer Sicherheitskontrolle erfahren wir in einer englischsprachigen Führung viel über den aktuellen Parlamentarismus und bewundern die stilsicheren Gastgeschenke von Regierungsdelegationen aus aller Welt. Bis zum abendlichen Höhepunkt, dem Besuch des russischen Theaters bleiben noch zwei Stunden Zeit, die die Lehrer in der Skybar des höchsten Hauses Rigas mit wundervollem Sonnenuntergang über der vereisten Daugava und der verschneiten Altstadt und die Schüler in der Ebene der lettischen Hauptstadt verbringen.
Dann sitzen wir in der ersten Reihe des Ranges im russischen Theater und versuchen die Handlung des Stückes mit dem Titel "Bingo" zu verstehen; mit differenziertem Erfolg, vor allem für unsere Französischschüler.

Sonnabend 16.1.2010
Auf Wiedersehen Riga. Der Abschied ist auch in unseren Geldbörsen erkennbar, in denen sich nur noch wenige Lats und Cantimes finden.
Mit den letzten zwei Fahrten unserer elektronischen Fünffahrtenkarte bringt uns der "rigas satiksme", der Rigaer Nahverkehr, zum Flughafen. Deutsch sozialisiert wie wir offensichtlich nun mal sind, stellen wir uns am auf der Bordkarte eingetragenen Gate an und sind etwas verblüfft, nach einigen Minuten zu erfahren, dass sich der Abflug um ca. 160 Minuten verzögern wird - Sturm in Frankfurt-Hahn!! Wie spannend kann so ein Flughafen werden?
Dann ist unsere Boeing da und ryanairschnell wechseln die Fluggäste. Start, Snacks, Drinks, Lose und dann eine englischsprachige Ansage des Piloten in der das kryptische Wort "Cologne" vorkommt. Dann Anschnallen, Sinkflug, Fahrwerk ausfahren, Landebahn in Sicht und..... es gehr wieder nach oben. Und so langsam ahnen wir die Bedeutung des Wortes und etwas später, jetzt in deutscher Sprache, lässt der Kapitän die Katze aus dem Sack, die auf den Namen Köln hört. Was nun? Wir haben Bahntickes von Frankfurt nach Dresden mit fester Zugbindung.
Am Flughafen Köln-Bonn warten Busse, die uns in drei Stunden nach Frankfurt Hahn bringen sollen, doch dann kommen wir nicht mehr nach Hause!! Es folgen Krisentelefonate, Ersatzpläne und Ersatzplanverwerfungen und dann steht es fest: Wir fahren mit der S-Bahn zum Kölner Hauptbahnhof, um von dort über Hannover, Wernigerode, Halle, Leipzig nach Dresden zu gelangen. Ein wenig wundern wir uns schon, dass der ICE nach Hannover nur ein IC ist und dann wird es auch Gewissheit: Das ist NICHT unser Zug! Und wir haben ja auch keine Fahrkarte. Hier kommt jetzt der Moment, an dem die Schaffner der Deutschen Bahn alle Börsenkurssparmaßnahmen zu Seite legen und unsere Fahrkarte mit der Aufschrift: "Frei für alle Züge nach Dresden!" versehen. Danke, liebe Bahn!!!!
In Hannover versorgen wir uns für eine bevorstehende lange Nacht mit Proviant und wissen bereits, dass uns der nächste Zug nur noch bis Leipzig bringen wird. Was nun? Ein Hostel in Leipzig? Doch fürsorgliche Eltern verlassen gegen 22 Uhr die sonnabendlichen Feiern, um sich bei angesagtem Eisregen auf den Weg zum Leipziger Hauptbahnhof zu machen.

Sonntag 17.1.2010
00:02 Uhr - da stehen sie - unsere Retter, die uns, in kleine Gruppen geteilt, dem eigenen Bett näher bringen werden. Doch noch ist für einige das Abendteuer nicht vorbei - ein Anschlußauto ist in einer Schneewehe bei Reinhardsgrimma stecken geblieben. Schaufeln - schieben - Koffer über die Schneeberge tragen - dann ist es geschafft!

Paldies!" - "Danke!" - euch Schülern für Leidensfähigkeit, Wissensdurst und Kreativität in scheinbar ausweglosen Situationen.
Paldies!" - "Danke!" - meiner Kollegin, Jeanet Dyroff, für die Zusammenarbeit und Freundschaft!

Paldies!" - "Danke! - liebe Eltern!

Was bleibt sind viele Eindrücke, Erfahrungen, verlorene Vorurteile und die Einsicht, das Weltanschauung tatsächlich etwas mit "Die Welt anschauen." zu tun hat. Lettland, vielleicht kommen wir wieder, irgendwann!

Impressionen von der Fahrt gibts [hier].


Olaf Lies.

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