Kochkurs


Eines der letzten großen Geheimnisse der Schreiberei ist das des ersten Satzes. Der einzige Grund, weswegen ich noch keinen Roman geschrieben habe, ist wohl, dass mir nie ein Satz eingefallen ist, der alle Kriterien für deinen perfekten Start erfüllt. Er muss aufdringlich genug sein, um die Aufmerksamkeit des Lesers zu erlangen, aber nicht so aufgeblasen, dass er unsympathisch wirkt. Er darf nicht die gesamte Handlung vorwegnehmen, den Leser aber auch nicht völlig im Dunklen lassen. Er darf nicht so kurz sein, dass man ihn einfach überliest, und auf keinen Fall ermüdend lang. Er muss sowohl klangvoll als auch bieder sein, denn mangelnder Gebrauch von rhetorischen Mitteln wirkt grobschlächtig, eine zu hohe Metapherndichte dagegen arrogant. Er muss alles sagen und doch nicht, den Tenor des Buches vorgeben und Raum für Überraschungen lassen.

Nehmen wir als Beispiel mal Joe Abercrombies "Racheklingen". Das beginnt mit folgendem Satz: "Der Sonnenuntergang hatte die Farbe schlechten Blutes." Für die Handlung scheinbar irrelevant, deutet die "Farbe schlechten Blutes" doch bereits an, dass die folgenden siebenhundert Seiten bis zum Bersten voll mit Gewalt, Verrat und Feindschaft sind. Und die Sonne ist mit Sicherheit nicht das einzige, das untergeht. Doch wie schreibe ich einen Satz von so seraphischer Schönheit? Gibt es eine geheime Formel? Subjekt + Prädikat * Adjektiv = der perfekte Satz? Ich glaube nicht.

Schreiben ist an sich eine einfache Sache. Alles, was man braucht, ist ein genialer Einfall und genügend Wortschatz, um ihn auszudrücken. Man kann es vielleicht mit Kochen vergleichen. Eine Prise ausgewählte Alliterationen, eine Messerspitze Vergleiche, die den Text aufquellen lassen wie Backpulver, dazu Wortspiele, Kitsch, unvorhersehbare Handlungswendungen, unvergessliche Charaktere, unschlagbare Dialoge und vielleicht und bisschen unterschwellige Botschaft, aber Vorsicht mit der Dosierung.

Wenn Schreiben so wie Kochen ist, folgt daraus der Umkehrschluss, dass sich Lesen mit Essen vergleichen lässt. Manche mögen es scharf, manche süß, einige haben einen leichten Magen und ein paar sind Vegetarier. Was das jeweils zu bedeuten hat, das überlasse ich eurer Fantasie. Fakt ist, dass ein paar schmackhafte Reime nicht aus jedem Gericht ein Gedicht machen. Und was der eine für delikat hält, das findet der andere dilettantisch.

Wie man sieht, ist der Kampf mit dem ersten Satz nicht gewonnen. Vielmehr will um jedes einzelne Wort gerungen werden. Doch wer diese Mühe auf sich nimmt und mit ganzer Kraft daran geht, seinen Gedanken Form zu geben und sie in Worte zu kleiden, der soll belohnt werden. Belohnt mit Anerkennung, Bewunderung oder auch nur einer Erfahrung, um die man reicher ist. Die Helden sterben in der Schlacht, und die Barden ernten den Ruhm, wenn sie davon singen. Die Feder ist mächtiger als das Schwert.

Das Einhorn meint: Ich schreibe gerade an meiner Autobiografie "Nein, das ist keine Attrappe - Leidensgeschichte(n) einen sentimentalen Einhorns". Ich werde es aber nur fertigstellen und veröffentlichen, wenn ich mir sicher sein kann, dass ich damit reich und berühmt werde. Denkst du, es gibt einen Markt für sowas?

Es grüßt,
euer Botschafter es Einhornwaldes.



 
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