Katzenbabies

Ich sitze seit gefühlten Wochen regungslos an meinem Schreibtisch, und meine Faust hat in meiner darauf gestützten Wange ein kleidsames Relief hinterlassen. Mit der anderen Hand bewege ich den kleinen weißen Mauszeiger über den Bildschirm, der meine Blicke geradezu hypnotisch anzieht. Ab und zu ziehe ich einen Speichelfaden zurück in meinen Mund, rappele mich hoch und nehme eine halbwegs gerade Sitzhaltung ein - aus der ich nach nur wenigen Minuten wieder zurück in mein Halb-auf-dem-Stuhl-halb-auf-dem-Fußboden-liegen rutsche. Würde man meine Augenlider als Ladebalken darstellen, wäre dieser wohl bei 16%. Und seit meine Cola Zero alle ist (Ich bin auf Diät), bin ich auf das Schöfferhofer Kaktusfeige umgestiegen, das eigentlich meiner Schwester gehört (Korrigiere: *War* auf Diät).

Seit die tägliche Beschäftigungstherapie namens Schule für mich ein Ende hat, vollzog sich bei mir ein ungesunder Lebenswandel. Anstatt unter der Woche arbeiten zu gehen und das Geld Samstags und Sonntags auf Partys zu… auszugeben, sitze ich unter der Woche vorm Computer, und am Wochenende auch. Ich bin inzwischen auf Seite 23 der Kommentare unter einer dreizehn-sekündigen Lebenszeitverschwendung namens "Katzenbabies" mit ganz vielen i's. Die Kommentare haben nur noch oberflächlich mit dem Inhalt des Videos zu tun, vielmehr hat sich dort eine überaus interessante Diskussion darüber entwickelt, ob man Pommes mit Ketchup und Majo jetzt als Pommes rot-weiß, Pommes Schranke oder Pommes polnisch (wegen der Flagge) bezeichnet.

Manchmal denke ich über meine Existenz oder das Sein an sich nach. Dann realisiere ich, dass mein Leben bisher völlig ereignislos und höhepunktfrei vor sich hingeplätschert ist. Ich beschließe, endlich rauszugehen und etwas aus meinem Leben zu machen. Dann hat das nächste Video über Katzenbabies in Regenbogenfarben fertig geladen, und ich vergesse, worüber ich gerade nachgedacht habe.

Du vermisst die Schule wirklich, oder?
Ja, verdammt!
Wow, nicht gleich weinen! Was vermisst du denn so?
Alles! Ich vermisse es, dass Mama mir morgens was zu essen macht. Ich vermisse die letzten fünf Minuten einer Unterrichtsstunde, in denen man verzweifelt auf die Uhr schaut, während der Zeiger sich im Schneckentempo fortbewegen zu scheint. Ich vermisse es, dass wir im Sportunterricht immer die Kabinentür der Mädchen aufgerissen haben und dann schnell weggerannt sind… Mann, ich vermisse es sogar, morgens um sechs aufzustehen!
Hey, ganz ruhig! Sieh's so, auf der Uni geht das doch alles wieder von vorne los. Irgendwie.
Jaaa… Du hast ja Recht. Ich sollte wirklich aufhören, mir Sorgen zu machen.
Na siehst du. Und jetzt, lass uns endlich dieses Video von Barlow anschauen, von dem dir Lukas erzählt hat, okay?

Es grüßt,
Euer Botschafter des Einhornwaldes.



 
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