Dreitagesaussicht


Ich habe gestern zum ersten Mal seit Äonen wieder ferngesehen. Seit meine Schwester einen eigenen Anschluss in ihrem Zimmer hat, samt einem kleinen persönlichen Satelliten im Orbit, damit sie auch jeden 24-Stunden-Werbekanal dieser Welt empfangen kann, seit diesem glorreichen Tag kann man in unserem Wohnzimmer wieder die Fernbedienung anfassen, ohne sich in akute Lebensgefahr zu begeben. Ich habe mich also in einen Sessel geworfen, meine Gliedmaßen zurechtgerückt und den Fernseher angeschaltet. Es läuft der Wetterbericht, auf welchem Sender hab ich leider vergessen. Gebannt beobachte ich den mit einem abstoßend hässlich gemusterten Regenschirm und einer grellgelben wasserabweisenden Plastikpelle ausstaffierten Moderator. Die Wetterkarte hinter ihm wechselt immer wieder flackernd mit einer Dokumentation über den Paarungsakt der mitteldeutschen Waldantilope. Zumindest sieht es so aus.
Kurz wird das Bild völlig schwarz. Der Moderator redet weiter und fasziniert lausche ich, wie er zum dritten Mal Cuxhaven als "Kokshafen" ausspricht. Dann kehrt das Bild zurück und man sieht den Mann vor einem blanken Greenscreen stehen. "Die Dreitagesaussicht: Schwere Shitstorms in ganz Deutschland, die Windstärke ist über 9000." Ich schüttele ungläubig den Kopf und beuge mich vor. "Ja, sie haben richtig gehört, über 9000! Das war's mit dem Wetter, weiter geht es mit einem Dokumentation über den Paarungsakt der mitteldeutschen Waldantilope." Irritiert schalte ich den Fernseher aus und lehne mich im Sessel zurück, um das soeben Gehörte und Gesehene zu verarbeiten. Da klatscht etwas gegen die Fensterscheibe. Ich schrecke auf, erhebe mich und gehe zum Fenster, um zu sehen, worum es sich handelt. Es ist ein Youtube-Kommentar.

"Der Botschavter des Einhornwaldes hatt kein Swag." Angeekelt schüttele ich mich und wende mich ab. In diesem Moment klatscht es zwei weitere Male. Seufzend drehe ich mich zum Fenster um. Ein Tweet von shitstormer9000 ("Guck mal, voll der Spast, ey! #Botschafter #Einhorn #schwul #Spast #rosa #Swag #Yolo #Dummbrot") und eine Einladung zu einem Facebook-Spiel namens Moorhuhn: Einhorn Edition. Mir bleibt der Mund offen stehen. Ich schaue aus dem Fenster zum Himmel. Ein Schwarm kleiner dunkler Punkte ist am Horizont erschienen. Er kommt näher, nimmt Form an, rast direkt auf mich zu. Ich kann mir gerade noch schützend den Arm vor Die Augen halten, als der geballte Shitstorm einfach durch sie Scheibe bricht.
Tumblr-Bilder von Einhörnern, die gerade verprügelt werden, oder animierten ausgestreckten Mittelfingern, Jimmy-McMillan-Memes mit der Überschrift "The amount of stupid unicorns is too damn high!", Grumpy-Cat-Bilder mit dem Schriftzug "Unicorns are dead? Good." Der Shitstorm stürzt sich auf mich, hält mich am Boden fest, reißt mir meine Haare an den Kopfseiten aus und klebt sie mir über den Mund. Dann ist der Schwarm verschwunden, ebenso schnell wie er gekommen ist. Ich stehe mühsam auf, taumele ins Bad und betrachte mich im Spiegel. Der Shitstorm hat mir einen Undercut rasiert und einen formidablen Oberlippenbart daraus geformt. Ein zurückgebliebener Facebook-Post ("Gestern heftig Party, war voll supaaa xDDD Danke an meine Schatziiiiis ****** *****, ******* *****, ********** ****") überreicht mir feierlich eine Hornbrille, die ich zögerlich aufsetze. Meine Verwandlung zum Hipster ist vollzogen. Ich beginne sofort, die typischen Verhaltensweisen zu assimilieren, renne in mein Zimmer, schnappe meine Gitarre, die ich wie von Zauberhand plötzlich perfekt spielen kann, und nehme den nächsten Zug nach Los Angeles.

Das Einhorn meint: Ich fresse Indierocksänger und Hipster immer als Vorspeise. Die bestehen meistens nur aus Haut und Knochen. Du bist ein ganz schön fetter Hipster, Botschafter.

Danke.

Es grüßt,
Euer Botschafter des Einhornwaldes.



 
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