Offener Brief an ein Nilpferd


Ich stelle mir gelegentlich die berechtigte Frage, welches humanoide Nilpferd die Interpretation von Lyrik und Prosa in die Lehrpläne deutscher Bildungseinrichtungen geschmuggelt hat. Die Annahme, die Intention eines Autors erraten zu können, dessen Leben vor mindestens hundert Jahren in einer geschlossenen Anstalt oder aufgrund von übermäßigem Alkoholkonsum ein mehr oder minder unrühmliches Ende nahm, zeugt zumindest von einem gesunden Selbstbewusstsein. Woher will ich denn bitte wissen, was sich der Dichter dabei dachte, als er sein Poem wahlweise betrunken, liebestoll oder aus Langerweile heraus verfasste? Wenn man jemandem die Lust an Poesie vergällen möchte, dann lässt man ihn sein Lieblingsgedicht interpretieren.

Ein Beispiel: "Mehr schwarz als blau, so tost die Flut, / ein Tier aus Wellen wittert Blut." Dies sind die ersten beiden Zeilen des Gedichtes "Schwarzes Meer" des Deutschrussen Barthoj Kammschmied aus dem Jahre 1976.
Was das Nilpferd uns nun durch unseren (geliebten,) als Sündenbock fungierenden Lehrkorpus weismachen möchte, könnte in etwa folgendes sein: "Der Autor drückt in diesen Zeilen seine tiefliegende Angst vor dem Wasser aus, begründet bla durch die Tatsache, dass er nie schwimmen gelernt hat. Aus der Vokalkomposition in Kombination mit der Kadenzanalyse bla bla geht hervor, dass er das dringende Verlangen verspürte bla, sich die die Wellen zu stürzen und bla bla seinem tragischen, von Krankheiten wie Schnupfen und Halsschmerzen geplagten Leben ein Ende bla bla bla bla bla."
Deutlich wahrscheinlicher ist wohl dies: "Oh, was für schöne Wellen. Da verfasse ich doch glatt ein Gedicht drüber." oder "Mir ist langweilig." oder sogar "Hm, ich sollte dringend wieder einmal ein Bad nehmen. Wenn ich mich in die Wanne setze, wird das Wasser sicher schwarz... Moment mal..."

Wenn ich Goethe wäre und allen Unwahrscheinlichkeiten zum Trotz posthum zu hören bekäme, was mein Osterspaziergang angeblich alles zu bedeuten hat, würde ich wiederauferstehen und dem eingangs genannten humanoiden Nilpferd seine ganz persönliche Zombieapokalypse bereiten. Nun ja, Goethe hielt ja auch seine Farbenlehre für sein größtes Werk.
Natürlich ist das alles etwas überspitzt formuliert. Natürlich gibt es Poesie, wie die Lyrik des Vormärz, deren Interpretation eindeutig möglich ist. Und natürlich habe ich bei aller Kritik selbst keine vernünftige Alternative zu bieten. Und genau diese Alternativlosigkeit dürfte wohl der Grund für die Implementierung dieser psychischen Foltermethode in die Lehrpläne sein.

Das Einhorn meint: Wenn du diesen Text interpretierst und zu dem Ergebnis kommst, dass der Botschafter suizidgefährdet, rechtspolitisch motiviert oder kannibalistisch veranlagt ist, hast du was falsch gemacht. Versuchs noch mal!

Es leidet mit euch,
Der Botschafter des Einhornwaldes.



 
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