Krieg


Jedes Jahr im Dezember tobt eine Schlacht. Ich gegen meine selige Familie, ich gegen den Geist der Weihnacht. Keine Gnade. Niemand wird geschont. Letztes Jahr fiel sie besonders blutig und verlustreich aus. Ein Schlachtenportrait.

Ich hatte den gesamten November 2011 damit zugebracht, mir eine Strategie zurechtzulegen, eine Art Kalender des Grauens, jeden Tag ein Türchen des Terrors. So steckte ich am ersten Dezember anstatt einer Räucherkerze eine Zigarette in unseren Räucherweihnachtsmann. Der erste Versuch ging leider schief, weil ich, der ich noch nie geraucht habe, aus Versehen den Filter anzündete und nicht das Tabakende. Doch der zweite Anlauf gelang, und weihnachtlicher Zigarettenrauch schwebte schon bald durch das gesamte Haus. Es war wundervoll. Meine Eltern belohnten mich für meine Experimentierfreude mit einer Freistellung vom Abendessen.
Am Nikolaustag stellte ich morgens einen Schokoladenweihnachtsmann vor die Zimmertür meiner Schwester, dem ich den Kopf abgebissen hatte. Dann legte ich einen Zettel mit "Fürchtet euch sehr!" dazu und bekleckerte das ganze Werk mit Ketchup, für den dramatischen Effekt. Als ich am Nachmittag nach Hause kam, war der Schokoweihnachtsmann weg und der Zettel lag vor meiner eigenen Tür, ergänzt durch "Danke, Bruderherz <3". Beim ersten Anblick hat sie sich aber bestimmt erschreckt. Ganz sicher. Glaube ich.
Meine Sabotageakte wurden immer ausgefeilter. Ich hängte ein Räuchermännchen mit einem Bindfaden um den Hals an einer Deckenlampe auf. Ich mischte Senf in den Plätzchenteig, während meine Mutter telefonierte. Ich klebte die Weihnachtsgrußkarten für unsere Verwandten in Trauerbekundungskarten für Begräbnisse ein, bevor ich sie in den Briefkasten warf. Und ich bestand erfolgreich darauf, anstatt der blöden "Weihnachtsgeschichte" lieber "Bad Santa" im Fernsehen zu schauen. Dreimal. Nacheinander.

Mit unserem Weihnachtsbaum hatte ich etwas besonders teuflisches vor. Nachdem ich meinem Vater dabei geholfen hatte, den Baum hineinzutragen (und das gute Stück dabei so zu schütteln, dass die Hälfte der Nadeln quer im Wohnzimmer verteilt lagen), schickte ich meine Eltern zum Stollen kaufen. Ich selbst schlich ins Badezimmer und durchwühlte die Schubladen, bis ich fand, was ich suchte. Zurück im Wohnzimmer, fiel mir bei dem Versuch, es anzuschalten, auf, dass die Batterien leer waren. Hektisch durchsuchte ich das ganze Haus nach Ersatzbatterien und nahm schlussendlich welche aus meinem Wecker heraus. Dann machte ich mich daran, den Weihnachtsbaum mit dem nun wieder funktionierenden Epiliergerät meiner Mutter zu rasieren. Ich fügte dem Gerät dabei vermutlich mehr Schaden zu als dem Baum, aber das Ergebnis konnte sich definitiv sehen lassen. Einen so glatten Baum hatten wir niemals wieder.

Am nächsten Tag verschlief ich um mehrere Stunden, da mein nun batterieloser Wecker nicht klingelte und meine Familie aus irgendeinem Grund ein wenig stinkig auf mich war und mich nicht aufweckte. Das war mir ganz recht, so konnte ich mich in Ruhe an die Vorbereitung meines Coup de Grâce machen. Meine Familie war zum dritten Mal mit Plätzchen backen beschäftigt. Beim zweiten Anlauf hatte ich zuvor die mit "Zucker" beschriftete Dose mit Salz befüllt. Das Ganze flog erst auf, als meine Schwester sich beim Auskratzen der Teigschüssel beinahe übergab.
Ich war ausgeschlafen und hatte freie Bahn. Perfekt. Ich tapste aus meinem Zimmer, blieb mit dem Fuß an einem gespannten Strick vor meiner Zimmertür hängen und klatschte mit einem äußerst eleganten In-die-Höhe-werfen meiner Arme zu Boden. Am Ende des Strickes waren Glöckchen befestigt, die wie verrückt bimmelten, weil ich in die Falle getappt war. Meine Mutter steckte den Kopf aus der Küche und rief: "Schnee schippen, Staub saugen, Weg streuen. Und räum' dein Zimmer auf, Oma kommt."
Das war also Krieg.

Oma kam, und sie brachte Glühwein, Eierlikör, Punschpralinen und eine Flasche mit einem seltsamen braunen Inhalt namens "Weihnachtsrum". Dass man sie mit ihrer Spiritiousensammlung überhaupt in den Zug gelassen hatte, war ein wahres Wunder. Mein Zimmer wurde beinahe einstimmig zum Gästezimmer auserkoren, ich richtete mich auf der Wohnzimmercouch häuslich ein. Ich musste meinen Masterplan ein wenig den Gegebenheiten anpassen.
Am 24. Dezember verzichteten meine Eltern auf den sonst obligatorischen Kirchenbesuch. Vermutlich hatten sie Angst, ich würde in dem Gotteshaus durch mein ungebührliches Verhalten einen Tumult verursachen, was zugegebenermaßen auch mein Plan gewesen war. Aber das machte nichts. Ich verbrachte den Vormittag damit, Zwietracht in meiner Familie zu sähen. Ich erzählte meiner Oma, dass meine Mutter mir kein rosa Plüscheinhorn zu Weihnachten schenken würden, weil das angeblich nicht männlich sei und ich siebzehn Jahre alt sei und mir lieber ein Taschenmesser wünschen solle. Meine Oma ging darauf schnurstracks zu meiner Mutter und meinte, ich hätte ein Recht darauf, und wenn ich diese Entscheidung getroffen hätte, dann ginge sie das nichts an und sie müsse damit leben und das akzeptieren. Ich glaube, meine Oma hatte kurzzeitig vergessen, dass ich eine Freundin habe. Aber mein Ziel hatte ich soweit erreicht. Meiner Mutter flüsterte ich ein, dass die Weihnachtsrum-Flasche die Hände meines Vaters seit gestern Abend nicht mehr verlassen hätte. Tatsächlich war sie nur noch zur Hälfte voll. Ich verschwieg allerdings, dass ich mit dem Rum meine Kakteen gegossen hatte und die Flasche dann unter das Kopfkissen meines Vaters geschmuggelt hatte. Mein Vater wiederum erfuhr von mir, dass meine Schwester einen Schneemann auf seinem Auto gebaut hatte. Das war zwar ich gewesen, aber ich hatte einen Handschuh meiner Schwester als Hut für den Schneemann verwendet und ihn ein wenig mit "ausgeliehenem" Lippenstift verziert, und wundersamer weise fiel mein Vater darauf herein. Zu guter Letzt meinte ich zu meiner Schwester, die blauen Tabletten in der Handtasche von Oma wären eine verdammt leckere Nascherei. Die waren nicht giftig. Nur abführend.
Abends zum Weihnachtsessen starrten sich alle Beteiligten über den Tisch hin böse an, außer mir, ich grinste wie ein Honigkuchenpferd. Ich tat mir dreimal auf, die letzten Tage waren wirklich verdammt anstrengend für mich gewesen. Nach dem Essen begab ich mich in mein Zimmer, um die letzten Vorbereitungen zu treffen. Und dann hörte ich eine Stimme, die direkt aus der Decke, von oben zu kommen schien.
"Du! Sterblicher! Ich bin der Geist der Weihnacht. Du hast mein Fest für die, die du liebst, verdorben und den weihnachtlichen Gedanken mit deinen bösartigen Streichen beschmutzt! Dafür sollst du bestraft werden! Für dich wird es in diesem Jahr keine Geschenke geben! Es sei denn, du entschuldigst dich auf der Stelle bei deiner lieben Familie und bittest sie um Verzeihung für deine Taten!"
Man soll mir nicht nachsagen, ich wäre abergläubisch oder so was, aber in diesem Moment spürte ich ein ganz neues Gefühl, irgendwie unangenehm, so leutselig, ekelhaft glücklich. Dann realisierte ich, dass es weihnachtliche Seligkeit war, die mich ergriffen hatte. Mit einem Gesichtsausdruck, als müsste ich sämtliche Einfahrten in meinem Wohngebiet freischaufeln, stiefelte ich hinunter ins Wohnzimmer, wo meine Familie bereits andächtig im Kreis saß. Ich holte tief Luft und begann:
"Ich... Naja, ich..."
"Wir wissen schon, was du sagen willst. Setz dich zu uns. Der Weihnachtsmann kommt sicher gleich."
Ohne ein weiteres Widerwort setzte ich mich zu meiner Familie, sang Weihnachtslieder, entschuldigte mich für meine Streiche und machte Oma Komplimente zu ihren Strickkünsten. Dann kam der Weihnachtsmann, den ich natürlich sofort als unseren Nachbarn identifizierte. Er trug einen Jutesack, aus dem verheißungsvoll bunt umhüllte Pakete herausblinkten. "Ho ho ho! Fröhliche Weihnachten, ihr! Wer von euch will als erstes sein Geschenk? Du?" Er zeigte auf meine Schwester. "Dann musst du aber erst ein Gedicht aufsagen!" Meine Schwester rezitierte fehlerfrei das Gedicht "Knecht Ruprecht". Der Weihnachtsmann war schwer beeindruckt. Nach und nach verteilte er die Geschenke an meine Familie. Ich hielt mich scheu zurück. Dann, als sein Sack fast leer war, fiel sein Blick auf mich. "Nun, willst du auch deine Geschenke?" Ich nickte stumm. "Dann sag ein schönes Gedicht." Ein Lächeln stahl sich auf mein Gedicht. Ich atmete ein und begann, das folgende Gedicht aufzusagen.

Oh wunderschöne Weihnachtszeit,
du rührst mich fast zu Tränen.
Doch nicht vor Glück, mich stört ganz schlicht
der Qualm der Räucherzwerge.

Im Sommer fliegt der Weihnachtsmann
zum Bräunen nach Mallorca
und dreht als kleinen Zweitverdienst
gern Werbespots für Cola.

Wenn ihn ein Auto überfährt,
ist Weihnachten verloren.
Schenk ihm, zu seiner Sicherheit,
doch ein paar Reflektoren.

Und das mit diesem Weihnachtsbaum,
das muss ich nicht verstehen.
Gefährlich ist das Ding, wie Sau,
und schön? Naja, von wegen.

Ich hol' jetzt einen Weihnachtsstein
zu mir, wird es Dezember.
Ganz pflegeleicht, und ist's vorbei,
werf' ich ihn aus dem Fenster.

Doch stumpf zu nörgeln liegt mir fern,
ich mach' dir einen Vorschlag:
Statt Weihnachten hätt' ich ganz gern
ein zweites Mal Geburtstag.

Für das Gedicht bekam ich eine ganze Menge. Erst einen Lachanfall meinerseits, dann Applaus, dann Geschenke und dann Hausarrest. Ein klassischer Pyrrhussieg. Aber Weihnachten ist schließlich jedes Jahr.

Das Einhorn meint: Ich frühstücke Christkinder und benutze Weihnachtsbäume als Zahnstocher! Yeah!

Du hast zu viel Glühwein getrunken.

Es grüßt,
Euer Botschafter des Einhornwaldes.



 
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