Die Wunderwaffe


Ich habe früh begriffen, wie nützlich Ironie sein kann. Im Geographie-Unterricht fragte man mich: "Auf welchem Kontinent liegt Marokko?"
Ich antwortete: "Nordamerika."
Der Lehrer meinte: "Das ist falsch."
Darauf ich: "Das war Ironie. Ich weiß natürlich, wo Marokko liegt."
Er sagte: "Gut, dann verrate es uns doch bitte."
Ich, in triumphierendem Ton: "Ostasien natürlich."
Unnötig zu sagen, dass ich Geographie in der elften Klasse abgewählt habe. Ich fühlte mich immer etwas unverstanden und unterfordert.

Leider Gottes ist Ironie nicht immer einfach zu entdecken, geschweige denn leicht verständlich. Was mich betrifft, gilt die generelle Faustregel: 90 Prozent von dem, was ich sage beziehungsweise schreibe, ist ironisch gemeint, diese Aussage eingeschlossen. Ich hoffe, ich konnte euch ein wenig weiterhelfen. Man kann es eventuell an der Art erkennen, wie jemand spricht. Oder an seinem Gesichtsausdruck. Oder seiner Gestik. Mit den Fingern simulierte Anführungszeichen sind meist ein sicheres Zeichen für Ironie. Manchmal ist es aber auch einfach das, was gesagt wird. Wenn mich jemand fragt, was ich denn am Morgen genommen hätte, dass ich so gut gelaunt sei, antworte ich gerne wie folgt: "Dasselbe wie immer: Eine Prise Kokain, etwas Haschisch, ein wenig Ecstasy, und zum Nachspülen einen großen Schluck Spiritus." Und ich muss das für meinen Geschmack viel zu oft relativieren. Ach ja, Kinder, Drogen sind scheiße. Sieht man ja an mir. Ich nehme keine, und bin wohl das (in Ermangelung eines adäquaten deutschen Wortes) most awesome Individuum weit und breit. Das war übrigens keine Ironie, sondern Bescheidenheit. Man bemerke den Unterschied.

Mein Vater sagte einmal zu mir, Frauen verstünden keine Ironie. Das ist inhaltlich richtig, hängt aber nicht etwa damit zusammen, dass das schöne Geschlecht Ironie nicht verstehen kann. Sie wollen sie schlichtweg nicht verstehen. Und das geht längst nicht nur Frauen so. Ich will niemandem den nötigen Intellekt absprechen, Ironie wahrnehmen zu können. Ich habe aber ab und an das Gefühl, dass manche Menschen aus Bequemlichkeit einfach das glauben, was gesagt wird, und sich nicht die Mühe machen, zu realisieren, dass das genaue Gegenteil gemeint ist. Ein simples Beispiel. Ein Kumpel rief an: "Hey, hast du gerade mal Zeit?"
Ich antwortete: "Nein, grade ganz schlecht. Ich warte auf den Anruf des Ministerpräsidenten von Marokko. Er wollte mit mir Minigolf spielen gehen."
Er darauf: "Okay, ich ruf morgen nochmal an." Aufgelegt.
Ich brüllte noch in den Hörer "Natürlich habe ich Zeit, du Vollidiot!", doch es war bereits zu spät. Ich war dermaßen überrascht, dass ich mir nicht einmal die Hand vor die Stirn schlug. Eine Win-Win-Situation: Ich saß zu Hause und wartete darauf, dass das Telefon klingelte und der Ministerpräsident endlich anrief, und er zockte vermutlich. Ich hatte mir mittels Ironie meinen Nachmittag versaut. Ganz neue Verwendungszwecke dieser Wunderwaffe taten sich mir auf. Wenn man mit Ironie Leute vom Telefon abwimmeln konnte, warum sollte sie nicht auch das rote Meer teilen oder den Weltfrieden herbeiführen. Vielleicht konnte man mit Ironie das Leben nach dem Tode ermöglichen, oder Zeitreisen machen. Diese Gedanken schossen mir durch den Kopf, während ich auf meinem Bett lag, mit meinen Fingern geometrische Figuren formte und mich dafür verfluchte, dass ich nicht einmal ernst sein konnte. Ironie hilft leider nicht gegen Langeweile.

Abschließend noch eine Warnung: Wie überall im Leben, so sollte man auch Ironie nicht nur austeilen, sondern auch einstecken können. In der Geographie-Stunde meldete ich mich und fragte: "Kommt der Name Marokko eigentlich von Rocko aus Pokémon?" (Ja, damals fand ich das witzig.)
Der Lehrer antwortete mir in gütigem Ton: "Nein, tut er nicht. Aber vielen Dank für deine interessante Frage."
Ich lief rot an und murmelte: "Keine Ursache."
"Das war Ironie.", sagte er zu mir.

Das Einhorn meint: Ich mag Ironie. Und ich mag dich, Botschafter. Wenn ich mich zwischen dir und einem schmerzhaften, langwierigen Tod entscheiden müsste, würde ich ohne zu zögern dich wählen. Auch wenn du mit Puppen spielst und Briefmarken sammelst.

Glaubt ihm kein Wort.

Es grüßt,
Euer Botschafter des Einhornwaldes.

PS: Das Wappen, das ihr vielleicht bemerkt habt, ist meine erste Fanpost. Vielen Dank an dieser Stelle an meinen treuen Fan Peggy.
...okay, eigentlich habe ich sie auf Knien darum angefleht. Aber das tut ja nichts zur Sache.



 
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