Der Spiegel von Einhornland


Um nicht manisch depressiv zu werden bei Temperaturen, gegen die ein mehrwöchiger Ausflug in die Tiefkühltruhen der sizilianischen Mafia beinahe angenehm erscheint, stelle ich mir öfters vor, an der Stelle meines lieben Korrespondenten, des Einhorns zu sein. Ich tue das nicht aus Böswilligkeit, weil ich gerne sehen würde, wie das arme Tier sich bei uns sein Horn abfriert. Nein, ich will dorthin, wo Flüsse aus purem Gold fließen, Regenbögen aus Maulwurfshaufen emporsteigen und der Himmel in sämtlichen Farben von Hubba Bubba leuchtet. Ich will nach Einhornland. Das ist ein Paralleluniversum, dessen Zivilisation der unseren einen Spiegel vorhält. Und zwar in etwa so, wie der Spiegel bei Schneewittchen und den Sieben Zwergen der bösen Königin mitteilt, dass sie ganz passabel aussähe. Allerdings befände sich bei einer Bande bärtiger Kleinwüchsiger im tiefen, tiefen Wald ein junges Mädchen, neben welchem sie aussehen würde wie ein zu stark geschmicktes Nilpferd.

Was hat das nun mit uns und Einhornland zu tun? Nun ja, generell ist davon auszugehen, dass in Einhornland einfach alles irgendwie besser ist. Die Autos fahren schneller, die Häuser sind höher, das Essen schmeckt besser und Pinguine können fliegen. Das wichtigste jedoch: In Einhornland sind alle höflich zueinander, es herrscht Friede, Freude, Eierkuchen, alle lieben sich. Das ist - neben konstanten 22°C Lufttemperatur - der Hauptgrund für meinen angestrebten Wohnsitzwechsel. Ich will nicht behaupten, dass ich ein besonders höflicher Mensch wäre, aber ich bin der festen Überzeugung, wenn wir alle ein wenig netter wären, dann wäre die Welt ein besserer Ort. In meinem bald erscheinenden Bestseller "Weltrettung in fünf einfachen Schritten" widme ich diesem Kapitel ein ganzes Drittel meines Buches. Die anderen beiden Drittel bestehen erstens aus Impressum, Widmung und Danksagung sowie zweitens aus Werbung für meine anderen Bücher, die alle ähnlich strukturiert sind wie "Weltrettung in fünf einfachen Schritten" und deren Veröffentlichung auch ebenso wahrscheinlich ist. Aber das nur am Rande. Was ich damit ausdrücken will, ist folgendes: Habt euch lieb. Das heißt jetzt nicht, dass ihr euch bei jeder Gelegenheit die Gesichter ablecken und euch gegenseitig ausziehen müsst. Wir sind ja nicht mehr in den Siebzigern. Das heißt eher, dass ihr eure dummen Vorurteile dahin zurücksteckt, wo die Sonne niemals scheint. Sowas verdirbt einem den Appetit. Ich bekomme von Dummheit, die aus mangelnder Erfahrung resultiert, immer Bauchschmerzen. Geht euch das nicht ähnlich?

Das heißt außerdem, dass ihr über Homosexualität nicht redet wie über eine unheilbare Krankheit. Das ist Liebe, und Liebe ist bloße Chemie. Man sollte ja meinen, die Menschheit hätte genug Zeit gehabt, sich ethisch und mental an den technischen und zivilisatorischen Fortschritt anzupassen. Aber irgendwie ist das genaue Gegenteil eingetreten. Die Einstellung gegenüber Menschen, die auch nur geringfügig von der Norm der eigenen Nachbarschaft abweichen, ist partiell geradezu erschreckend mittelalterlich. Dazu gehört auch, dass man sich in einer Welt, die immer mehr zusammenwächst, an den Anblick von Niggern, Kanacken und Fidschis gewöhnt. Bevor sich jemand empört, ich habe bewusst die negativ behafteten Ausdrücke gewählt. Bloß weil einige sich partout nicht integrieren wollen, muss man deswegen nicht sofort die Scheuklappen dicht machen. Das sind allesamt nette Leute, die sicherlich einen großartigen Humor haben, hervorragend Auto fahren, und darüber hinaus sehr lecker kochen. Wenn man ihnen eine Chance gibt. Es sind schließlich alles nur Menschen, die halt ein wenig anders aussehen als eure Mütter und Väter.

Man sollte meine, ich reite hier auf Grundsätzen und Selbstverständlichkeiten herum. Dem ist leider nicht so. Ein guter Freund erzählte mir, er müsse regelmäßig Kommentare überhören, die sich... abwertend über seine braunen Haut und seine für einen Jungen unnormal langen Haaren äußerten und über die normalen Witze und Sprüche, die völlig in Ordnung sind, weit hinausgehen. Und das Wort unnormal ist es auch, welches man im Bezug auf Menschen niemals verwenden sollte. Nichts ist unnormal. Stell dir vor, ich würde dir vorwerfen, dass deine Eltern Geschwister wären, weil mir deine unnormale grün-blaue Augenfarbe nicht passt. Das klingt total bescheuert. Und das ist es auch. Rassismus im Alltag mag inzwischen bis zu einem gewissen Maß sogar normal sein. Das macht das Ganze kein Stück besser. Ich bin für ein tolerantes, vorurteilfreies Miteinander von Schwarzen, Asiaten, Türken, Weißen, einfach allen Menschen.

Das Einhorn meint: Vergiss uns nicht! Einhörner sind das Salz in der Suppe einer jeden modernen Gesellschaft. Wir sind... Hallo? Hört mir überhaupt jemand zu?!

Es grüßt,
Euer Botschafter des Einhornwaldes.



 
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