Blaue Vierecke


Ich muss meinen Biologielehrern doch einmal Recht geben: Spinnen haben tatsächlich acht Beine. Zu dieser Erkenntnis bin ich nach der fünfminütigen Betrachtung des Exemplars an meiner Zimmerdecke gekommen. Gerade als ich ihr einen Namen geben und ein Gespräch beginnen wollte, begann die Spinne sich abzuseilen und landete auf meiner Brust. Den nachfolgenden hysterischen Anfall meinerseits, der schließlich im Tod der Spinne resultierte, will ich euch in seinen Details ersparen. Nur so viel: Es war ein grausamer Zweikampf. Mensch gegen Tier. Wie zu Zeiten der Gladiatoren. Ähem.

Nachdem ich mich einigermaßen von dieser Attacke erholt hatte und die Zeitschriften, die ich für den Mord an der Spinne gebraucht hatte, zusammenräumte, legte ich mich zurück auf mein Bett, die Arme hinter dem Kopf, und fuhr fort, die nun spinnenfreie Zimmerdecke zu studieren. Und jetzt, da ich mich völlig auf sie konzentrierte, entdeckte ich Fraktale, Muster, Symbole, sogar Schriftzeichen schälten sich aus dem Relief der Oberflächenstruktur des Deckenputzes. Fasziniert entzifferte ich Sätze wie "Die Kokosnuss schwimmt aus dem Fenster." oder "Waschbären bemalen Kirschbäume mit Apfelcola." und versuchte die Botschaft zu erraten, die mir meine Zimmerdecke mit derart kryptischen Nachrichten zu übermitteln versuchte. Nachdem ich nach etwa fünfzehnminütigem Nachdenken langsam realisierte, dass ich irgendwelchen Blödsinn in meinen Deckenputz hineininterpretierte, beschloss ich, irgendetwas Sinnvolles mit meiner Zeit anzufangen. Und setzte mich vor den Computer.

Etwa eine halbe Stunde lang saß ich vor dem Monitor und zeichnete mit meinem Mauszeiger blaue Vierecke auf den Bildschirmhintergrund. Ich rahmte irgendwelche Objekte ein, malte zwei große Quadrate und ein kleines, und stellte mir dann irgendwelche Vater-Mutter-Kind-Dialoge zwischen blauen Vierecken vor. Dann wurde mir das zu doof und ich nahm mir vor, irgendetwas Produktives zu tun. Dieser Entschluss machte mich so hungrig, dass ich mir als erstes einen Joghurt aus unserem Kühlschrank holen musste, bevor ich irgendetwas anfangen konnte. Ich versuchte, einen Song zu schreiben , doch das einzige was mir einfiel, war "Mir ist la-la-la-la-langweilig!", also ließ ich das schnell wieder fallen. Ich holte mir Rat bei Freunden. Einer empfiehl mir, doch ein Buch zu schreiben. Ich lehnte das ab, weil er sich am Telefon ziemlich betrunken anhörte, dabei war es noch nicht mal um vier. Ein anderer Kumpel meinte: "Du hast doch diesen komischen Blog da, der Botschafter des Irgendwas. Schreib doch dafür 'nen Text!" Als ich ihn fragte, ob er einen Themenvorschlag hätte, antwortete er: "Schreib doch über blaue Flecke, ich hab mir heute im Sport einen geholt." Zu meiner Verteidigung sei gesagt, dass die Verbindung schlecht war und mein Kumpel ein wenig sächselt. Jedenfalls habe ich anstelle von blauen Flecken blaue Vierecke verstanden. Ich habe eine Weile gerätselt, wie man im Sport an ein blaues Viereck kommt und ob das so eine neue Art von Bewertungssystem ist. Jedenfalls hatte ich endlich etwas, um meine Langeweile zu bekämpfen.

Als der Text fertig war, schaue ich mich suchend in meinem Zimmer um. Und entdeckte mein altes Schachspiel. Mit Tränen in den Augen kramte ich es unter einem Stapel von Büchern, Kleidungsstücken und Verpackungen hervor und begann eine Partie gegen mich selbst. Versuch mal gegen dich selbst im Schach zu gewinnen. Es ist praktisch unmöglich. Entsprechend war ich auch bis etwa halb sieben beschäftigt, dann läutete die Essensglocke im Erdgeschoss, wo meine Mutter mir eine Standpauke hielt, warum ich nicht Schnee geschippt hätte und dass der Geschirrspüler auszuräumen sei und staubsaugen hätte ich ja auch mal können und was ich denn den ganzen Tag gemacht hätte.
Ich begann: "Ich habe mich gela..."
"Na, was?!"
"Gela... Gelampt."
"Gelampt? Was ist denn das?"
"Das verstehtst du nicht, Mama, das ist Jugendsprache."
Erstaunlicherweise stellte diese Antwort meine Mutter vorerst zufrieden. Bis sie nach dem Essen feststelle, dass ich noch nicht einmal mein Bett gemacht hätte und ich solle die Augen nicht so verdrehen und so weiter und so weiter. Es gibt einfach gewissen Dinge, die sind schlimmer als Langeweile. Aber das wird meine Mutter wohl nie verstehen.

Das Einhorn meint: Wenn mir langweilig ist, versuche ich zu schielen und mit beiden Augen auf die Spitze meines Hornes zu schauen. Ich würde dir das ja auch empfehlen, aber...

Halt einfach die Klappe.

Es grüßt,
euer Botschafter des Einhornwaldes.



 
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